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11.24.2025

Leben

Kolonkarzinom

Zwei Stimmen – ein Leben

Wie lebt man weiter, wenn eine Diagnose plötzlich alles verschiebt – und doch das Leben weitergeht? Bruno Kägi und Cornelia Fitzi erzählen von Routine und Vertrauen, von Angst und Gelassenheit – und davon, was es heisst, Zeit nicht zu zählen, sondern zu leben.

Das Davor

Bruno Kägi ist Schreiner, in der Region Winterthur aufgewachsen – einfach, wohlbehütet, mit beiden Füssen am Boden. Er war lange Junggeselle, mochte klare Strukturen und ein ruhiges Leben. Cornelia Fitzi stammt aus derselben Gegend. Auch sie wuchs einfach auf, mit Hunden, Nähe und Verlässlichkeit. Aus einer früheren Beziehung hat sie einen Sohn.

Kennengelernt haben sich die beiden 2011 beim Feierabendbier in der Stammbeiz. Sie war mit Freundinnen dort, er allein. «Ich habe ihn erkannt», erzählt Cornelia. «Er kam früher oft in meine Bäckerei und hat sich sein Brötli geholt.» Bruno schüttelt den Kopf. «Daran erinnere ich mich nicht.»

Was sie verbindet, ist Bodenständigkeit – und der gemeinsame Hund, Shayen. Spaziergänge wurden schnell zu ihrem Ritual: reden, schweigen, draussen sein. Nur eines blieb schwierig: die Zeit. Sie arbeitete nachts, er tagsüber. Begegnungen waren knapp, oft auf die Spaziergänge beschränkt. «Manchmal war das fast wie Schichtwechsel», sagt Cornelia. «Aber irgendwie hat es funktioniert.»

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Spaziergänge wurden schnell zu ihrem Ritual: reden, schweigen, draussen sein.

Die Diagnose

2018 begannen die Beschwerden. «Magendarm, nichts Besonderes», sagt Bruno Kägi. Eine Zeit lang versuchte er, sie zu ignorieren. «Ich dachte, das geht wieder vorbei.» Doch irgendwann ging es nicht mehr. Der Hausarzt schickte ihn zur Magendarmspiegelung. Dann kam die Diagnose: ein Kolonkarzinom, also Darmkrebs.

Der Moment war ruhig. Kein Schock, keine Szene. «Ich fühlte mich gut aufgehoben», sagt Bruno. «Die Ärzte wussten, was sie tun. Ich habe das einfach angenommen.» Cornelia nickt. «Er war erstaunlich gefasst. Ich weiss noch, dass ich mehr Mühe hatte als er.»

Für sie fiel danach alles zusammen. Ihre Mutter war damals alt – nach einer Erkrankung erholte sie sich nicht mehr und starb einen Monat nach Brunos Diagnose. «Das war zu viel auf einmal», sagt sie leise. «Ich hatte das Gefühl, mir zieht es den Boden weg.»

Sie sitzen nebeneinander, ruhig, nah, ohne Berührung. Nur die Blicke, die sich zwischendurch suchen – als wollten sie sagen: Wir wissen beide, wie es war.

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Zwei Stimmen – zwei Wege durch das Gleiche

Nach der Diagnose ging alles schnell. Die erste Operation verlief erfolgreich, fast 40 Zentimeter Darm wurden entfernt. Die begleitenden Therapien schlugen an, die Werte waren stabil. «Wir dachten, jetzt wird alles wieder gut», sagt Cornelia. Bruno nickt. «Ich hatte das Gefühl, wir haben’s geschafft.» Doch die Hoffnung hielt nicht lange. Bald zeigten sich Metastasen an Leber und Milz. Eine zweite Operation wurde nötig. Dieses Mal wurde ein künstlicher Darmausgang – ein Stoma – gelegt.

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Er hatte das Gefühl, sie haben’s geschafft. Doch die Hoffnung hielt nicht lange

«Das war ein Einschnitt», sagt Cornelia. «Noch einmal alles von vorn. Und diesmal wusste ich, es wird nie mehr ganz wie früher.» Bruno bleibt ruhig. «Ich habe das so angenommen. Es musste ja weitergehen.»

Der Körper und das Neue

Für Bruno war auch das Stoma kein Problem. «Ich habe das so genommen, wie es kam», sagt er. «Die Ärzte wussten, was sie tun – und ich hatte Vertrauen.» Dieses Vertrauen hat viel mit seiner behandelnden Ärztin, Saskia Hendrich, zu tun. Sie begleitet ihn schon lange – ruhig, klar, verlässlich. «Ich weiss, bei ihr bin ich in guten Händen», sagt Bruno. «Das hat mir stets Sicherheit gegeben.» Cornelia war bei den wichtigen Besprechungen dabei, doch vieles fiel ihr schwer. «Ich hatte immer Angst, was als Nächstes kommt», sagt sie. «Er ist da viel gefasster als ich.»

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Ich habe das so angenommen. Es musste ja weitergehen.

Er spricht ruhig, fast stoisch. Kein Trotz, eher Gelassenheit. «Ich habe mir gesagt: Das gehört jetzt zu mir. Fertig.» Die Unterstützung aus der Familie war immer da. «Alle haben mitgezogen, das hat gutgetan», sagt er. «Ich war stolz, dass ich das so geschafft habe.»

Cornelia nickt. «Er hat das wirklich angenommen. Für mich war das schwieriger – ich musste zuerst begreifen, was das im Alltag bedeutet.» Sie selbst kämpfte zu dieser Zeit mit einem Burnout. «Ich war erschöpft, körperlich und emotional», sagt sie. «Und gleichzeitig wollte ich stark sein für ihn.»

Von aussen betrachtet wirkten sie, als seien sie eine Zeit lang parallel unterwegs gewesen – jeder mit seinem eigenen Rucksack, mit sichtbaren und unsichtbaren Kämpfen.

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Ich habe mir gesagt: Das gehört jetzt zu mir. Fertig.

Heute

Seit der Diagnose hat das Leben für Bruno und Conny viele Höhen und Tiefen bereithalten. Doch sie haben es gemeinsam getragen – so, wie es kam. Tag für Tag. 

Bruno musste seinen Beruf als Schreiner aufgeben. «Das war schwierig», sagt er. «Die Arbeit war immer ein Teil von mir.» Trotzdem blieb er ruhig. «Ich habe einfach vertraut, dass es irgendwie gut kommt.»

Heute spielt Zeit eine andere Rolle. Sie sprechen nicht darüber, wie viel bleibt – sie nutzen, was da ist. Gemeinsam. Regelmässig gehen sie fein essen, besuchen Konzerte oder das Theater. Kürzlich konnten sie sogar zehn Tage verreisen – nicht ganz einfach, weil der Hund gut betreut sein will.

Von aussen betrachtet wirkt ihr Leben ruhig, beinahe alltäglich. Sie haben neue Gewohnheiten gefunden, die funktionieren. Und vielleicht ist genau das ihre Form, mit der Zeit umzugehen: sie nicht zu zählen, sondern zu leben.

Vielleicht ist es auch das, was sie verbindet – die Gewissheit, dass es ein gemeinsames Heute gibt.

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