gemeinsam gegen Krebs

Sollten Sie ausserhalb der regulären Praxis-Sprechzeiten ein dringendes gesundheitliches Problem haben, ist der diensthabende Onkologe auch nachts und am Wochenende über folgende Telefonnummer erreichbar:

043 344 33 30

mehr erfahren
Miniserie Psychoonkologie

10.16.2025

Wissen

Serie Psychoonkologie

«Ich bin nicht nur Patient:in» – Im Gespräch mit Sibylle Wasserfallen

Von 150 Menschen in einem vollen Zürcher Tram werden – statistisch gesehen – rund 22 im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs erkranken. Jung und alt, Stadtmenschen und Landbewohnerinnen, Lehrerinnen, Köche, Hundeliebhaberinnen, Kunstfans oder AC/DC-Hörer – quer durch alle Schichten, Berufe und Lebensentwürfe. Der einzige gemeinsame Nenner: die Diagnose Krebs.

Und manchmal fühlt sich diese Diagnose an wie ein Mantel, den man plötzlich trägt – sichtbar für alle. Alles, was darunter liegt, scheint für andere unsichtbar zu werden. Wie gelingt es, sich selbst wieder als ganze Person zu spüren? Darüber sprechen wir mit Sibylle Wasserfallen, selbstständige Psychoonkologin.

E.A.: Frau Wasserfallen, viele sagen: «Seit der Diagnose habe ich das Gefühl, alle sehen nur noch die Krankheit.» – Was steckt hinter diesem Gefühl?

Sibylle Wasserfallen: Das höre ich sehr oft. Mit einer Krebsdiagnose verschiebt sich der Fokus – medizinisch, organisatorisch, emotional. Viele erleben, dass sie von ihrem Umfeld plötzlich nur noch als Patient:in gesehen werden. Aber Denken, Fühlen und Handeln – das macht den Menschen aus. Die Krankheit ist nur ein Teil davon, nicht das Ganze.

Icon: Zitat

Denken, Fühlen und Handeln – das macht den Menschen aus. Die Krankheit ist nur ein Teil davon.

Manchmal hilft es, den Unterschied zwischen dem Äusseren und dem Inneren bewusst zu machen. Manche tragen Perücke oder Mütze, andere zeigen sich ganz ohne – alles ist erlaubt. Das Äussere kann Halt geben, aber es definiert nicht, wer man ist. Und auch Gespräche dürfen wieder Raum für anderes haben: aktiv das Thema wechseln, über Interessen sprechen, lachen, planen. Es ist erlaubt, über das Leben zu reden – nicht über die Krankheit.

E.A.: Wie gelingt es, im Alltag wieder zu dem zurückzufinden, was einen früher ausgemacht hat?

Sibylle Wasserfallen: Viele wünschen sich, wieder so zu sein wie früher. Doch manchmal darf das Leben auch anders weitergehen. Ich empfehle, aktiv zu bleiben, die Zeit zu nutzen, aber sich nicht zu überfordern. Und ganz bewusst Dinge zu tun, die nichts mit der Krankheit zu tun haben: Einen Spaziergang, ein Abendessen mit Freund:innen, ein Kinobesuch. Diese Momente bringen Normalität zurück – und zeigen, dass man mehr ist als Therapiepläne und Laborwerte.

Inna kapturevska ua 9f DM9koo r U unsplash

E.A.: Gibt es kleine Dinge, die helfen, sich nicht nur als Patient:in zu fühlen?

Sibylle Wasserfallen: Ja, viele. Sich schön anziehen, das Lieblingsparfüm tragen, Musik hören, einen Kaffee in der Sonne trinken – all das kann helfen. Es geht um kleine Gesten der Selbstfürsorge, die einem erlauben, sich wieder als Mensch zu erleben. Das sind keine Nebensächlichkeiten, sondern wichtige Anker im Alltag.

E.A.: Und wie gehe ich damit um, wenn andere mich plötzlich mit Samthandschuhen anfassen?

Sibylle Wasserfallen: Das Umfeld meint es meist gut, ist aber oft unsicher. Hier helfen Klarheit und eine Prise Humor. Radikale Akzeptanz bedeutet, anzunehmen, dass Menschen unterschiedlich reagieren – und gleichzeitig die eigenen Grenzen zu wahren. Ich empfehle, offen zu sagen, was hilfreich ist und was nicht. Eine kleine Liste kann Druck rausnehmen: „So könnt ihr mich unterstützen“ – das entlastet alle.

Icon: Zitat

Radikale Akzeptanz und Humor – das nimmt Druck raus.

E.A.: Darf ich mich der Krankheit auch mal entziehen – einfach für einen Moment?

Sibylle Wasserfallen: Unbedingt. Singen, tanzen, spazieren, lachen – alles, was guttut, darf sein. Manchmal ist bewusstes Verdrängen sogar heilsam. Wichtig ist die Balance zwischen Ablenkung und Auseinandersetzung. Loslassen und Festhalten gehören beide dazu. Die Krankheit ist ein Teil des Lebens, aber sie ist nicht der ganze Mensch.

E.A.: Wann ist es sinnvoll, sich professionelle Unterstützung zu holen?

Sibylle Wasserfallen: Ich sage immer: Hilfe holen ist selbstverständlich. Wenn Sie zweifeln, ob Sie Unterstützung brauchen, erinnern Sie sich: Bei einem Meniskusriss gehen Sie auch zum Spezialisten – und verbinden nicht selbst Ihr Knie. Psychoonkologische Gespräche können ein Fundament schaffen, auf dem Sie wieder Sicherheit finden. Sie sind nicht allein. Ängste, kreisende Gedanken und Sorgen gehören zu einer existenzbedrohenden Erkrankung – und dürfen Raum haben.

Über Sibylle Wasserfallen

Sibylle Wasserfallen wurde im Kanton Zürich geboren und wuchs in einem behüteten Umfeld auf. Nach einer kaufmännischen Ausbildung startete sie ihre Laufbahn in der Kommunikationsbranche. Um ihren 40. Geburtstag herum suchte sie nach einer neuen beruflichen Herausforderung – und erhielt gleichzeitig die Diagnose Brustkrebs. Nach einer erfolgreichen Therapie entschied sie sich für ein Psychologiestudium. Seit 2016 arbeitet sie als selbstständige Therapeutin mit Schwerpunkt Psychoonkologie und ist krankenkassenanerkannt.

sibyllewasserfallen.ch

 

IMG 3664

Artikel teilen