Damit zu leben, dass die Erkrankung für andere auf den ersten Blick sichtbar war, war nicht immer einfach. «Manchmal hatte ich das Gefühl, dass mich Menschen bewusst mieden oder mir auswichen.»
Die eine Szene: Street Parade, August 2024
Vier Monate nach der Diagnose, mitten in den ersten harten Chemotherapien, steht Tanja auf einem Lovemobile an der Street Parade. Mit dabei: ihr Mann und enge Freunde – und das Wissen, dass das ganze Team des Onkozentrums mitfiebert, ob sie den Tag überhaupt durchhält. Ihr Kopf ist kahl, bemalt mit einem schwarz-silbernen Leopardenmuster. Dreieinhalb Stunden tanzt sie – «voll im Flow», wie sie sagt. Dopamin pur.
Wer sie an diesem Tag nicht kennt, ahnt nicht, dass sie mitten in einer Chemotherapie steckt. Statt mitleidiger Blicke bekommt sie Komplimente für ihre Kopfbemalung. Ausgerechnet das, was sie im Alltag für andere sichtbar zur Patientin machte, steht an diesem Nachmittag nicht für Krankheit.
«Krank sein, aber nicht krank sein wollen.» So beschreibt Tanja den inneren Konflikt dieser Zeit. Ihr Körper war erschöpft, mental gab ihr dieser Nachmittag unglaublich viel Energie. «Ich habe so lange getanzt, bis mein Körper den Stecker gezogen hat.»
Dieses Gefühl, einfach Tanja zu sein und die Krankheit für einen Moment nicht ins Zentrum zu stellen, suchte sie während der gesamten Behandlung immer wieder bewusst: bei Konzertbesuchen, beim Jazzdance oder beim Fanmarsch der Schweizer Nationalmannschaft in Köln. Momente, in denen nicht die Krankheit im Mittelpunkt stand, sondern das Leben.