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09.22.2026

Leben

Leben mit Brustkrebs

Kraftmomente: Wie Tanja sich selbst nicht verloren hat

Nicht die Frage, wie Tanja den Krebs überstanden hat, stand am Anfang unseres Gesprächs. Sondern eine andere: Wie hat sie sich selbst in dieser Zeit nicht verloren? Ihre Antwort ist die Geschichte einer Frau, die sich mitten in einer der schwierigsten Phasen ihres Lebens bewusst Freiräume geschaffen hat – Momente, in denen sie einfach Tanja bleiben durfte.

Wer war Tanja, bevor alles anders wurde?

«Vor der Diagnose war ich einfach Tanja», sagt sie und lacht. Ihr Leben prägten ihr Mann, ihr Beruf und ihre Freundschaften – und die Dinge, die ihr Freude machten: Reisen, Tauchen, Jazzdance und Konzerte. Bewegung, Selbstbestimmung und gemeinsame Erlebnisse mit den Menschen, die ihr wichtig sind, gehörten selbstverständlich dazu.

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Bewegung, Selbstbestimmung und gemeinsame Erlebnisse mit den Menschen, die ihr wichtig sind, gehörten selbstverständlich dazu.

2010 lernte sie ihren heutigen Mann kennen, drei Jahre später heirateten sie. Im September 2023 bezogen sie ihr neues Zuhause. Nur wenige Monate später, im April 2024, erhielt sie die Diagnose Brustkrebs.

Fragt man ihre Freundinnen und Freunde, wer Tanja ist – ohne das Wort Krebs zu benutzen –, fallen Begriffe wie positiv, fröhlich, hilfsbereit, empathisch und lebensfroh. Und: «die mit den blauen Haaren.»

Plötzlich Patientin

Im Juni 2024 folgte die Bestätigung einer BRCA-Mutation, kurz darauf zeigte sich ein stärkerer Lymphknotenbefall als zunächst angenommen. Mehr als ein Jahr lang war Tanja ununterbrochen in Behandlung: 16 Chemotherapien, davon mehrere Doppelchemos, fünf Operationen sowie 30 Bestrahlungen zwischen Mitte Dezember und Ende Januar.

«Der Krebs sollte nicht omnipräsent sein», sagt sie rückblickend. Am meisten belastete sie die Krankheit selbst – und dass sie plötzlich so viel Raum einnahm. Das wollte sie nicht zulassen.

Ihr Mann und ihre engen Freund:innen trugen sie durch diese Zeit. Schwieriger waren manche Begegnungen mit Aussenstehenden. Einige erzählten ungefragt von Menschen aus ihrem eigenen Umfeld, die an Krebs verstorben waren. Andere starrten sie an oder mieden sie.

Ihre Glatze wollte Tanja trotzdem nicht verstecken. Sie entschied sich bewusst gegen eine Perücke oder ein Kopftuch. «Ich merkte, dass ich eine Perücke oder ein Tuch vor allem für andere tragen würde – nicht für mich.»

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Ich merkte, dass ich eine Perücke oder ein Tuch vor allem für andere tragen würde – nicht für mich.

Damit zu leben, dass die Erkrankung für andere auf den ersten Blick sichtbar war, war nicht immer einfach. «Manchmal hatte ich das Gefühl, dass mich Menschen bewusst mieden oder mir auswichen.»

Die eine Szene: Street Parade, August 2024

Vier Monate nach der Diagnose, mitten in den ersten harten Chemotherapien, steht Tanja auf einem Lovemobile an der Street Parade. Mit dabei: ihr Mann und enge Freunde – und das Wissen, dass das ganze Team des Onkozentrums mitfiebert, ob sie den Tag überhaupt durchhält. Ihr Kopf ist kahl, bemalt mit einem schwarz-silbernen Leopardenmuster. Dreieinhalb Stunden tanzt sie – «voll im Flow», wie sie sagt. Dopamin pur.

Wer sie an diesem Tag nicht kennt, ahnt nicht, dass sie mitten in einer Chemotherapie steckt. Statt mitleidiger Blicke bekommt sie Komplimente für ihre Kopfbemalung. Ausgerechnet das, was sie im Alltag für andere sichtbar zur Patientin machte, steht an diesem Nachmittag nicht für Krankheit.

«Krank sein, aber nicht krank sein wollen.» So beschreibt Tanja den inneren Konflikt dieser Zeit. Ihr Körper war erschöpft, mental gab ihr dieser Nachmittag unglaublich viel Energie. «Ich habe so lange getanzt, bis mein Körper den Stecker gezogen hat.»

Dieses Gefühl, einfach Tanja zu sein und die Krankheit für einen Moment nicht ins Zentrum zu stellen, suchte sie während der gesamten Behandlung immer wieder bewusst: bei Konzertbesuchen, beim Jazzdance oder beim Fanmarsch der Schweizer Nationalmannschaft in Köln. Momente, in denen nicht die Krankheit im Mittelpunkt stand, sondern das Leben.

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Krank sein, aber nicht krank sein wollen.

Wenn der eigene Körper fremd wird

«Es ist eine Reise», sagt Tanja, wenn sie über ihren Körper spricht. Während der Therapie fühlte sich dieser zeitweise fremd an. Schmerzen, Erschöpfung und das Gefühl, in einer Hülle zu stecken, die nicht mehr die eigene war, begleiteten sie über lange Zeit.

Auf dem Papier waren Fortschritte messbar. Innerlich brauchte es länger. Körper und Kopf gingen nicht immer im gleichen Tempo – und auch nach der intensiven Behandlungsphase beschäftigen sie Nebenwirkungen und Folgen der Therapie weiterhin.

Dem eigenen Körper wieder zu vertrauen, ist deshalb kein Moment, sondern ein Prozess.

Was Stärke heute für sie bedeutet

Körperlich eingeschränkt zu sein bedeutete für Tanja nicht, sich auch ihre Lebensfreude nehmen zu lassen. Gerade weil die Krankheit so vieles bestimmte, suchte sie nach Dingen, über die sie selbst entscheiden konnte.

«Das lasse ich mir nicht nehmen.»

Auch ihr Verständnis von Stärke hat sich verändert. Früher bedeutete Stärke für sie, hart zu sein, resilient und keine Schwäche zu zeigen. Heute gehört für sie etwas anderes genauso dazu: Hilfe anzunehmen.

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«Ich dachte immer, ich müsse alles alleine schaffen. Heute weiss ich: Hilfe anzunehmen gehört genauso dazu. Und ich weiss heute auch, wie viel Kraft in einem Menschen steckt und was man schaffen kann, wenn man es muss.»

Das zeigte sich auch in ihren Beziehungen. Tanja plante Kontakte teilweise ganz bewusst – selbst an Tagen, an denen sie sich eigentlich lieber zurückgezogen hätte. Sie wusste, dass ihr die Nähe zu anderen langfristig guttat.

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Ich dachte immer, ich müsse alles alleine schaffen. Heute weiss ich: Hilfe anzunehmen gehört genauso dazu. Und ich weiss heute auch, wie viel Kraft in einem Menschen steckt und was man schaffen kann, wenn man es muss.

Momente, die ihr gehörten

Musik wurde zu einem wichtigen Anker. Arbeitskolleginnen stellten ihr eine Playlist mit Happy- und Power-Songs zusammen, Freundinnen und Freunde eine mit ihren Lieblingsliedern. Auch Jazzdance blieb, wann immer möglich, Teil ihres Lebens.

«Ich wollte mich nicht von aussen steuern lassen.»

Während die Therapie einen grossen Teil ihres Alltags vorgab, suchte Tanja bewusst nach Momenten, die sie selbst gestalten konnte. Tanzen, Musik oder Konzertbesuche waren mehr als Ablenkung. Es waren Momente, in denen sie am Leben teilnehmen und selbst bestimmen konnte, welchen Raum die Krankheit gerade einnehmen durfte.

Und was sie heute nicht mehr auf irgendwann verschiebt? Reisen und Tauchen. Beides steht wieder im Kalender.

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Tanzen, Musik oder Konzertbesuche waren mehr als Ablenkung.

Was Tanja anderen Betroffenen mitgeben möchte

Einen allgemeingültigen Weg gibt es für Tanja nicht. Im Gegenteil. «Für andere etwas machen zu müssen, muss nicht der Weg sein – lieber so, wie es für einen selbst passt.»

Für sie bedeutete das, zu ihrer Glatze zu stehen. Für einen anderen Menschen kann genau das Gegenteil richtig sein. Entscheidend ist für sie, die eigene Entscheidung treffen zu dürfen.

Wichtig findet sie auch, Hilfe anzunehmen, Kontakte bewusst zu pflegen und dem eigenen Körper Schritt für Schritt wieder vertrauen zu lernen.

«Stärke bedeutet auch, dass man es nicht alleine schaffen muss.»

Die intensive Behandlungsphase liegt heute hinter Tanja. Sie befindet sich weiterhin in der adjuvanten Therapie. Nebenwirkungen und Folgen der Behandlung begleiten sie noch – gleichzeitig richtet sich ihr Blick mit Zuversicht nach vorne.

Vielleicht liegt genau darin einer der wichtigsten Gedanken ihrer Geschichte: Ein schöner Moment bedeutet nicht, dass plötzlich alles gut ist. Und Lebensfreude muss nicht warten, bis alles Schwierige vorbei ist.

«Man darf sich etwas Gutes tun. Man darf lachen. Man darf einen schönen Tag haben. Das nimmt der Krankheit nichts weg – aber es gibt einem selbst ein Stück Leben zurück.»

Kurz erklärt

BRCA-Mutation

BRCA1 und BRCA2 sind Gene, die Zellen vor Krebs schützen. Eine Veränderung dieser Gene erhöht das Risiko für bestimmte Krebsarten, insbesondere Brust- und Eierstockkrebs. Sie kann zudem für Vorsorge und Therapie relevant sein.

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Fotos: Anja Berger, hey wildflowers photography

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