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06.18.2026

Wissen

Trauma und Wachstum

Second Life: Zwischen Narbe und Reifung

Autor: Dr. med. Daniel Helbling

«Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.» Der Satz wird oft zitiert. Er stammt von Friedrich Nietzsche. Er klingt tröstlich. Und er kann Druck erzeugen. In meiner Arbeit begegne ich vielen Menschen, die eine schwere Erkrankung durchlebt haben. Manche sagen rückblickend: Ich bin stärker geworden. Andere sagen: Ich bin verletzlicher geworden.

Beides ist möglich. Beides ist nachvollziehbar. Schwere Erfahrungen machen nicht automatisch stärker. Sie können erschüttern, verunsichern, prägen – manchmal ein Leben lang. Und trotzdem berichten manche Menschen davon, dass sich nach einem Trauma etwas verändert hat. Nicht besser. Aber anders.

In a nutshell: Was ist ein Trauma?

Ein Trauma ist eine Erfahrung, in der die körperliche oder seelische Unversehrtheit bedroht ist – verbunden mit intensiver Angst oder Hilflosigkeit. Eine Krebsdiagnose ist eine solche Erfahrung.

Die Psychologie spricht von posttraumatischem Wachstum, wenn sich nach solchen Erschütterungen innere Veränderungen zeigen. Wichtig ist: Dieses Wachstum ersetzt das Leid nicht. Wenn es entsteht, dann daneben. Second Life beginnt dort, wo das Alte nicht mehr trägt.

Was sagt die Medizin dazu?

Das Konzept des posttraumatischen Wachstums wurde in den 1990er-Jahren von den Psychologen Richard Tedeschi und Lawrence Calhoun beschrieben. Sie entwickelten auch ein Instrument – das Posttraumatic Growth Inventory –, mit dem Betroffene angeben können, ob sich ihr Erleben in bestimmten Bereichen verändert hat.

Gefragt wird etwa nach:

  • intensiveren Beziehungen
  • neuen Lebensprioritäten
  • gestärktem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
  • vertiefter Sinnsuche
  • einer neuen Wertschätzung des Lebens

Wichtig ist mir dabei: Dieses Instrument misst subjektiv erlebte Veränderungen. Es sagt nichts darüber aus, ob jemand «objektiv» gewachsen ist. Es erfasst das innere Empfinden.

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Das Instrument misst subjektiv erlebte Veränderungen. Es sagt nichts darüber aus, ob jemand «objektiv» gewachsen ist. Es erfasst das innere Empfinden.

In grösseren Übersichtsarbeiten – unter anderem einer Meta-Analyse mit mehreren tausend Betroffenen – berichten etwa 40–60 % der Menschen nach schweren Belastungen von solchen positiven Veränderungen. Posttraumatisches Wachstum ist also kein seltenes Phänomen. Gleichzeitig zeigen andere Daten ein ebenso wichtiges Bild. Eine vielzitierte Studie aus dem Jahr 2010 (Seery et al.) konnte zeigen, dass moderate Belastungen im Leben tatsächlich mit höherer psychischer Widerstandskraft einhergehen können. Sehr schwere oder kumulative Traumata hingegen gehen häufiger mit langfristiger psychischer Beeinträchtigung einher.

Mit anderen Worten: Nicht jedes Leid macht stärker. Und nicht jedes Wachstum entsteht aus maximaler Erschütterung.

Auch positive Extremereignisse – etwa die Geburt eines Kindes oder das Erreichen eines lang verfolgten Ziels – können laut neueren Analysen innere Reifungsprozesse auslösen. Wachstum scheint weniger vom Schmerz allein abzuhängen als von der Erschütterung des bisherigen Selbstbildes. Beides gehört zur Realität.

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Mit anderen Worten: Nicht jedes Leid macht stärker. Und nicht jedes Wachstum entsteht aus maximaler Erschütterung.

Was bedeutet das für Patientinnen und Patienten?

Zunächst eine Entlastung: Es gibt kein «richtiges» Ergebnis einer Krise. Niemand muss gestärkt aus einer Erkrankung hervorgehen. Niemand muss dankbarer, spiritueller oder lebensklüger werden. Wenn sich etwas verändert hat – gut. Wenn nicht – ebenfalls gut.

Wachstum ist keine Pflicht. Es ist eine Möglichkeit.

Eine Einordnung

In Gesprächen erlebe ich oft, dass Schmerz und Reifung nebeneinander existieren.

Manche Menschen wählen Beziehungen bewusster. Manche trennen sich klarer von dem, was ihnen nicht guttut. Manche entdecken neue Interessen. Und gleichzeitig bleibt eine Narbe. Ein Trigger. Eine Verletzlichkeit.

Das eine hebt das andere nicht auf. Ich denke manchmal: Vielleicht muss ein Weltbild ausreichend ins Wanken geraten, damit sich ein neues bilden kann. Aber dieses Neue ist selten heroisch. Es ist oft leise. Und manchmal anstrengend.

Aus dem Leben

Eine Patientinnensicht

Eine meiner Patientinnen sagte mir, sie habe gelernt, ihr Leben gezielter zu gestalten. Beziehungen bewusster zu wählen. Möglichkeiten zu sehen, die sie sich früher nicht erlaubt hätte. Spiritueller sei sie nicht geworden. Aber ihre Wertschätzung für das Leben habe deutlich zugenommen. Gleichzeitig belasteten diese Veränderungen ihre Partnerschaft. Wachstum verschiebt. Und Verschiebungen sind nicht immer bequem.

Ein Trauma verschwindet nicht einfach. Es bleibt oft als Erinnerung im Körper. Als Wachsamkeit. Als erhöhte Sensibilität. Second Life bedeutet nicht, dass alles besser wird. Es bedeutet, dass das Leben weitergeht – mit einer Erfahrung, die sich nicht rückgängig machen lässt.

Manche nennen das Stärke. Ich nenne es Anpassungsfähigkeit. Und manchmal genügt das.

Die Einordnung in diesem Beitrag basiert auf klinischer Erfahrung sowie auf folgenden wissenschaftlichen Arbeiten:

  • Tedeschi, R. G., & Calhoun, L. G. (1996). The Posttraumatic Growth Inventory: Measuring the positive legacy of trauma. Journal of Traumatic Stress, 9, 455–471.
  • Seery, M. D. et al. (2010). Whatever does not kill us: Cumulative lifetime adversity, vulnerability, and resilience. Journal of Personality and Social Psychology, 99, 1025–1041.
  • Mangelsdorf, J. et al. (2019). Does growth require suffering? A systematic review and meta-analysis on genuine posttraumatic and postecstatic growth. Psychological Bulletin, 145, 302–338.

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