Autor: Dr. med. Daniel Helbling
«Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.» Der Satz wird oft zitiert. Er stammt von Friedrich Nietzsche. Er klingt tröstlich. Und er kann Druck erzeugen. In meiner Arbeit begegne ich vielen Menschen, die eine schwere Erkrankung durchlebt haben. Manche sagen rückblickend: Ich bin stärker geworden. Andere sagen: Ich bin verletzlicher geworden.
Beides ist möglich. Beides ist nachvollziehbar. Schwere Erfahrungen machen nicht automatisch stärker. Sie können erschüttern, verunsichern, prägen – manchmal ein Leben lang. Und trotzdem berichten manche Menschen davon, dass sich nach einem Trauma etwas verändert hat. Nicht besser. Aber anders.
In a nutshell: Was ist ein Trauma?
Ein Trauma ist eine Erfahrung, in der die körperliche oder seelische Unversehrtheit bedroht ist – verbunden mit intensiver Angst oder Hilflosigkeit. Eine Krebsdiagnose ist eine solche Erfahrung.
Die Psychologie spricht von posttraumatischem Wachstum, wenn sich nach solchen Erschütterungen innere Veränderungen zeigen. Wichtig ist: Dieses Wachstum ersetzt das Leid nicht. Wenn es entsteht, dann daneben. Second Life beginnt dort, wo das Alte nicht mehr trägt.
Was sagt die Medizin dazu?
Das Konzept des posttraumatischen Wachstums wurde in den 1990er-Jahren von den Psychologen Richard Tedeschi und Lawrence Calhoun beschrieben. Sie entwickelten auch ein Instrument – das Posttraumatic Growth Inventory –, mit dem Betroffene angeben können, ob sich ihr Erleben in bestimmten Bereichen verändert hat.
Gefragt wird etwa nach:
- intensiveren Beziehungen
- neuen Lebensprioritäten
- gestärktem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
- vertiefter Sinnsuche
- einer neuen Wertschätzung des Lebens
Wichtig ist mir dabei: Dieses Instrument misst subjektiv erlebte Veränderungen. Es sagt nichts darüber aus, ob jemand «objektiv» gewachsen ist. Es erfasst das innere Empfinden.